Die Sanitäter verschwanden im Aufenthaltsraum
der Schwestern. Liz sah vom PC auf und musterte ihren Patienten. Mist!
Ausgerechnet Joshua Tanner. Der ungekrönte König von St. Elwine
persönlich. Das konnte ja heiter werden.
Sie hatte ihn sofort erkannt, obwohl die weichen Züge
eines Highschool - Jungen aus seinem Gesicht verschwunden waren. Was
seiner Attraktivität allerdings keinen Abbruch tat, wie sie sofort
feststellen konnte, ganz im Gegenteil! Er hielt jetzt die Augen
geschlossen. Schweißperlen standen auf seiner Stirn.
Offensichtlich ging es ihm gar nicht gut. Ob er
vielleicht absichtlich ein bisschen Theater spielte? Wollte er sie nur
wieder auf die Probe stellen - wie bereits so oft in der Vergangenheit?
Sicher hatte er längst erfahren, dass sie hier in der Stadt ihren
Dienst angetreten hatte. Na schön, das konnte er haben.
Bisher war sie ihm noch jedes Mal gewachsen gewesen.
Manche Dinge änderten sich wohl nie? Sie seufzte und ging hinüber ins
Untersuchungszimmer. Er sah sofort auf und verzog seinen Mund zu einem
Lächeln, das jedoch seine dunklen Augen nicht erreichte. Ein ganz neuer
Wesenszug an ihm, bemerkte sie etwas erstaunt. Anscheinend waren seine
schauspielerischen Leistungen nicht mehr so gut wie früher.
"Elizabeth Crane, sieh an, sieh an. Nun Schwester, hol
deinen Chef, so dass ich heute irgendwann noch nach Hause komme!",
sagte er sichtlich genervt. Sein Ton war überheblich wie eh und
je."Ich- bin- Dr.- Elizabeth-Crane-, Oberärztin der Chirurgie im St.
Elwine Hospital!" Sie betonte jedes Wort mit Nachdruck und zog sich die
Untersuchungshandschuhe über, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen.
Nur langsam schienen ihre Worte zu ihm durchzudringen und die
Erkenntnis spiegelte sich jetzt auf seinem Gesicht wider. Er sah so
ehrlich erschrocken aus, dass Liz beinahe laut aufgelacht hätte. Ein
leiser Zweifel meldete sich in ihr, wegen ihrer anfänglichen Vermutung.
Sie schob ihn vorerst bei Seite.
„Nun, Mr. Tanner, was ist passiertauf dem Sportplatz?"
Sie wählte ganz bewusst die förmliche Anrede. „Ich habe den
Baseballschläger abbekommen. In eh..." Offensichtlich hatte er Mühe,
die geeigneten Worte zu finden. „Aha, ich verstehe. Na dann werde ich
mir das jetzt mal ansehen", antwortete Liz völlig gelassen in ihrem
professionellsten Ton. Sein Kopf fuhr erschreckt hoch. Nicht schlecht
Tanner, fast würde ich dir die Nummer abnehmen, überlegte sie
belustigt. „Moment! Gibt,... gibt...“, begann er tatsächlich zu
stottern. „Gibt es noch jemanden, der heute hier Dienst hat?" Er fuhr
sich nervös mit der Zunge über die Lippen. Josh ahnte bereits ihre
Antwort. „Es ist niemand hier, Mr. Tanner. Jedenfalls kein anderer
Arzt", stellte Liz nicht ohne einen Funken Genugtuung klar. „Das
meinten Sie doch wohl?“
Er ging überhaupt nicht auf ihre Frage ein. Nun gut. „Ich möchte jetzt gern feststellen,wie schwer Sie verletzt sind.“ Wenn Sie allerdings damit ein Problem haben, dürfen Sie selbstverständlich nach Hause gehen,
hätte sie am liebsten hinzugefügt. „Es besteht durchaus die
Möglichkeit, dass ich schnell handeln muss, um Spätfolgen zu vermeiden.
"Sie wollte sehen, wie weit er mit seinen ungewöhnlichen
Anbaggerversuchen tatsächlich gehen würde. Welch ein Spaß. Er war
offensichtlich noch der gleiche selbstherrliche Spinner, schimpfte sie
innerlich. Trotzdem ließ sie sich nichts anmerken, sondern fixierte ihn
mit ihren Blicken.
An einem anderen Tag, wenn Josh im Vollbesitz seiner
Kräfte gewesen wäre, hätte er mit Sicherheit gegrinst und gedacht, was
Elizabeth doch für eine kleine Hexe sein konnte. Auf alle Fälle hätte
er ernsthaft daran gezweifelt, dass sie ihm weismachen wollte, dass
kein anderer Arzt in der Nähe war. Ja, er hätte ihr wahrscheinlich böse
Absichten unterstellt, um mal wieder ihre kleinen Rachefeldzüge gegen
ihn auszuführen. Nun bot sich ihr immerhin die Gelegenheit, auf die sie
sicher schon seit Jahren gewartet hatte. Sie wurde ihr sogar auf dem
sprichwörtlichen Silbertablett serviert, zumindest im metaphorischen
Sinne.
Doch jetzt, in diesem Augenblick, fühlte er sich
einfach viel zu elend. Er war hier gelandet und sah sich außerstande,
einen Ausweg aus der Situation zu finden. Die Schmerzen nahmen an
Intensität zu. Er wünschte, er könnte sich irgendwo hin verkriechen, wo
ihn keiner sah und sich einfach nur zusammenrollen. Josh krümmte sich
in der Tat fast und musste mit aller Kraft ein Stöhnen unterdrücken.
Vor Lizzy würde er sich nicht die Blöße geben. Lange jedoch konnte er
das nicht mehr ertragen, das war ihm nur allzu bewusst.
„Ist Theo, ich meine Dr. Jefferson da?“, fragte er leise. Natürlich, Sie möchten zum Chefarztpersönlich.
„So viel ich weiß, hatte er noch einen wichtigen Termin außer Haus.“
Das war nicht mal gelogen, überlegte sie. Sie nahm ein kurzes Flackern
wahr, das über seine Lider huschte. Diese albernen, weiblichen Wimpern
überschatteten seine Augen. Trotz des dunklen Teints sah er
ungewöhnlich blass aus. Das konnte man doch gar nicht spielen, oder?
Liz war sich nicht sicher. Er schien wirklich starke Schmerzen zu
haben. Fast tat er ihr ein wenig leid. „Also?", fragte sie deshalb
schon wesentlich sanfter. „Vertrauen Sie mir?" Sie beobachtete ihn
unentwegt.
Es verging eine schier endlose Pause. Josh war viel zu
angeschlagen, um gründlich darüber nachzudenken. Eine tiefe Resignation
erfasste ihn. Er wollte jetzt nur noch von diesem entsetzlichen Schmerz
befreit werden. Seine Abwehr brach zusammen.
Sie saßen sich nun, nach einem langen, aber
kurzweiligen Spaziergang, in einem italienischen Restaurant gegenüber. Hierher
waren sie geflüchtet, als ein Paparazzo sie erwischt hatte. O`Brians Handy
klingelte und er lächelte sie entschuldigend an.
"Ja - Ty O`Brian hier." "T.J.
- wo bist du ?"
Das Blut stockte
ihm in den Adern. Es war die hohe Stimme eines Kindes - eines
ängstlichen Kindes.
"Geh
nicht weg - T.J.! Hilf mir! Lass mich nicht allein!" Es gab nur zwei Menschen auf der Welt, die ihn je
T.J. genannt hatten. Der eine war seine Mutter und sie lebte nicht mehr. Der
andere war sein kleiner Bruder. Auch er war fort. Über seinen Verbleib wusste
Tyler so gut wie nichts.
Aber, diese Stimme... Er hätte schwören können, dass
es sich um die Stimme seines Bruders handelte. Der musste ja längst erwachsen
sein. Auf einmal fühlte er sich wieder in die späteren Jahre seiner Kindheit
zurückversetzt. Er war gefangen in dieser Zeit und in ihm kroch Angst hoch, wie
eine Schlange, die sich langsam um einen Ast windet. Sein schlimmster Alptraum war die eigene Vergangenheit und die Erinnerung daran drohte ihn jetzt
einzuholen. Ty hatte geglaubt, er wäre darüber hinweg. Die Träume hatten schon
vor Jahren aufgehört. Er hatte es sogar geschafft, die schrecklichen Bilder in
einen Winkel seines Hirns zu drängen, den nicht einmal er selbst kannte.
Plötzlich war diese Stimme wieder da. Die Stimme seines Bruders, die ihn
anflehte, ihm zu helfen. Seine Angst war jetzt so stark, dass seine Hände zu
schwitzen begannen.
Charlotte bemerkte, wie das Lächeln in O`Brians
Gesicht gefror. Er erstarrte förmlich und in seine dunklen Augen trat ein
gehetzter, nahezu, panischer Ausdruck. "Ist etwas passiert?", flüsterte sie
verunsichert. Sein Blick, der irgendwo in einer fremden Welt, weit fort von
hier, gefangen schien, klärte sich allmählich wieder. Er sah sie jetzt direkt
an. "Nein, nein." Seine Worte klangen, als
ob sie durch eine zu enge Kehle gepresst wurden. "Möchten Sie einen
Cappuccino, Miss Woods?" Tyler hatte sich jetzt wieder im Griff.
"Danke nein, ich trinke keinen Kaffee."
Er nickte. "Keinen Kaffee, keine Rockmusik,
ganz solide. Ich könnte weder ohne das Eine, noch ohne das Andere über den Tag
kommen. Wie schaffen Sie das nur?"
Er gab ihr das Gefühl, eine biedere Gouvernante
zu sein. Dies wollte sie keineswegs hinnehmen und winkte den Ober heran.
"Ich möchte gern eins von diesen fruchtig bunten Mixgetränken." Tyler hob die rechte Augenbraue, sagte aber
nichts. "Hm."
Genüsslich zog Charly an dem Strohhalm ihres zweiten Drinks. "Ich
weiß gar nicht, welcher besser war. Die schmecken herrlich tropisch, wie frisch
gepresster Saft. Möchten Sie nicht auch einen probieren?" "Danke, aber ich trinke keinen
Alkohol."
Oh -
jetzt klang er aber spießig.
"Was?", warf Charly lachend ein.
"Ein Rockstar und kein noch so klitzekleines Alkoholexzesschen? Ich dachte
immer, das gehört dazu." "So kann man sich irren, Miss Woods. Wir
sollten gehen, ich habe morgen einen harten Tag vor mir." "Meinen Sie etwa das neunzigminütige Konzert
am Abend?" Charlotte war ehrlich verblüfft. Ungerührt fuhr sie daher fort:
"Da müssen Sie erst mal sechzig bis siebzig Patienten an einem Tag
durchziehen, dann wissen Sie, was harte Arbeit ist."
Tyler sah sie nur verständnislos an.
Sie schielte
auf die astronomische Höhe der Rechnung, die O´Brian, ohne mit der Wimper zu
zucken, bezahlte. Teurer Spaß - so ein
paar Drinks. Die frische Abendluft war nur in den ersten
Momenten angenehm. Plötzlich hatte sie einige Mühe mit dem Laufen. Ihr Magen
schien zu rebellieren. Flüchtig gedachte sie der lapprigen Lasagne, die gestern
im Flugzeug serviert worden war. Statt der Drinks hätte sie wohl eher etwas
essen sollen. Oder hatte das immer noch mit der Zeitverschiebung zu tun?
Charlotte schwankte verdächtig und Tyler umfasste ihre Taille. Dann rief er ein
Taxi herbei und bugsierte sie auf den Rücksitz. „Sind Sie auch sicher Sir, dass die Lady alles
bei sich behält?", fragte der Fahrer skeptisch, als er Charlottes, jetzt
sehr blasses, Gesicht musterte. "Hab gestern erst die Bezüge reinigen
lassen. Das kann Sie teuer zu stehen kommen“, fügte er nachdrücklich hinzu. „Hoffen wir das Beste", brummte Ty.